Mein weis(s)es Blatt

Was wirklich wichtig ist

Hast Du Dir schon einmal aufrichtig die Frage gestellt, warum Du am Leben bist? Was Deine Aufgabe hier in dieser Welt ist? Hast Du Dich schon einmal ernsthaft gefragt, was wirklich, wirklich wichtig für Dich ist?

Ich habe es getan. Vielleicht magst Du Dir einen Augenblick Zeit nehmen, um meine kleine Geschichte zu lesen...und um daran teilzuhaben.....................solltest Du jedoch ein sehr beschäftigter Mensch sein, so gehe doch bitte trotzdem kurz auf die nächste Seite, um Dich dort zu verewigen...

Der Anfang

Am Freitag, dem 17.02.2006 saß ich mit einigen Menschen in einem Seminar-Raum in Mönchengladbach-Neuwerk. Ich hatte mich für eine Fortbildung angemeldet und wusste nicht so genau, was mich erwartet. Recht bald nach dem gegenseitigen Kennenlernen ließ der Trainer uns in Zweiergruppen eine Übung machen, dessen Ziel es offenbar sein sollte, uns über unsere wichtigsten Werte im Leben Klarheit zu verschaffen...das zu finden, was zählt...was uns wirklich antreibt!

Ich war zunächst - wie eigentlich immer - etwas skeptisch, konnte mich dann aber doch darauf einlassen...

Die Übung lief ungefähr so ab:

Ich nenne etwas, dass mir sehr wichtig ist, z.B. im Beruf oder Hobby. Sodann werde ich von meinem Partner gefragt, "was mir denn an dieser Sache so wichtig ist" oder "welcher übergeordnete Wert dadurch für mich erfüllt ist". Wenn ich darauf eine Antwort gefunden habe, werde ich wiederum gefragt: "Und was ist dir jetzt daran wieder so wichtig?" oder "Und was ist jetzt damit wiederum für dich erfüllt?". Habe ich erneut eine Replik gemacht, so fragt man mich nochmals: "Und magst du mir sagen, was nun hiermit für dich sichergestellt ist?"...

Dies geschieht so lange, bis ich das Gefühl habe, "oben" oder vielleicht auch "in der Mitte" angekommen zu sein...bis ich nicht mehr imstande bin, etwas Übergeordnetes zu nennen. Dieser so gefundene Wert wird auf einem Blatt Papier vermerkt. Anschließend beginnt das "Spiel" mit einer anderen Ausgangssituation von vorne.

Überraschende Antworten

Zu meinem großen Erstaunen stellte ich fest: Egal von welchem Punkt ich gestartet war: Job, Hobby, Partnerschaft etc. - wenn man mich nur lange und beharrlich genug fragte, dann gelangte ich immer irgendwie zu den gleichen Begriffen: Liebe, Frieden, Toleranz, Zentriertheit, Authentizität, Stille...das Aufhören aller Fragen....

Die Verwunderung steigerte sich nochmals um ein Vielfaches, als ich feststellte, dass auch bei allen anderen Teilnehmern immer wieder die gleichen oder sehr ähnlichen Konzepte zum Vorschein kamen. Zwar füllten wir in unserer Vorstellung die Wörter alle leicht unterschiedlich aus, doch es war klar, dass wir alle "auf der gleichen Wellenlänge" lagen.

Diese Ähnlichkeit in den Antworten wurde sogar noch deutlich größer, wenn wir uns zu Beginn nicht fragten, was uns an einer Sache so wichtig sei, sondern stattdessen fragten:

Wie möchtest Du die Zeit hier mit den anderen Teilnehmern erleben? Was ist dir wichtig im Erleben mit den anderen?

Wie konnte das sein?

Das Gelbe Gewusel

Bei der anschließenden Besprechung der Übung bot der Trainer uns seine Erklärung für unsere Erlebnisse an und malte dabei dieses Schaubild auf ein Flipchart:

Das Gelbe Gewusel - Martin Hensel

Wo und wann immer Menschen aufeinander treffen, gibt es ein Ich und ein Du - und daraus entsteht notwendigerweise ein Wir - eine Beziehung. Ob wir wollen, oder nicht. Wir können einem Menschen wohl gesonnen sein...oder ihn ablehnen. In jedem Fall haben wir eine Beziehung. Und diese Beziehung zwischen dem Ich und dem Du bleibt bestehen - sie bleibt "im Raum", auch wenn die Menschen wieder auseinander gehen. Ob wir wollen, oder nicht. Und selbst mit den Menschen, die wir ignorieren, die wir verdrängen, die wir nie zu Gesicht bekommen, haben wir eine Beziehung - gerade weil wir sie ignorieren. Ob wir wollen, oder nicht. Und so weben wir alle jeden Tag an einem Netz aus Beziehung. Sechs Milliarden Knotenpunkte in einem unendlich großen Netzwerk.

Ich, Du, Wir alle - sind ein Teil dieses größeren Ganzen. Ob wir wollen, oder nicht....

Der Trainer symbolisierte diese Beziehung - den "Geist" durch ein große Menge chaotischer anmutender gelber Striche. Für die Seminarteilnehmer war dies fortan "Das Gelbe Gewusel". Und an dem Punkt hat es für mich irgendwie Klick gemacht und ich hatte etwas verstanden. Ich hatte Es verstanden. Dieses Gelbe Gewusel - dieses Etwas hat einen Grund, einen Sinn und Zweck. Eine Absicht und ein Ziel. Es möchte etwas für uns erreichen. Uns helfen. Einen Weg weisen.

Und wir haben die Wahl: Verneigen wir uns jeden Tag davor...oder kämpfen wir dagegen an?

Der Trainer gab anschließend jedem von uns ein weißes Blatt Papier und ein paar Stifte. Er bat uns, in den nächsten 20 Minuten unser eigenes Bild von diesem "Gelben Gewusel" zu malen. Ich hatte intuitiv sofort das Bedürfnis, nichts zu malen und der Trainer meinte, dass das natürlich ok sei. Ich setzte mich also still in eine Ecke und wartete darauf, dass die anderen Teilnehmer ihre Bilder fertig stellten.

Mein weis(s)es Blatt Papier

Als alle soweit waren, versammelten wir uns wieder, legten unsere Bilder in die Mitte des Raumes, bildeten einen Kreis und begannen, sie zu betrachten. Reihum sollten wir alsdann den anderen Menschen näher bringen, was das Gemalte bedeutet. Ich sah eine Menge wunderschöner Bilder: Hier eine leuchtende und kraftvolle Sonne, dort ein symmetrisches Netzwerk, welches verschiedene nahe und ferne Punkte miteinander verband. Eine sich öffnende Lotosblüte, ein kraftvolles Energiefeld, welches von einer noch größeren Energie durchflossen wurde und von einem noch größeren Energiefeld umspannt wurde...

Als ich an der Reihe war, druckste ich erst ein wenig herum, konnte mich dann aber sammeln und sagte so etwas wie:

"Ich konnte einfach nichts malen. Egal, was ich gemalt hätte: Es hätte sich irgendwie falsch angefühlt...es wäre nicht das richtige gewesen. Aber ich hatte noch einen Gedanken: Wenn ich während der ganzen Zeit fortwährend immer zwischen euch hin und her laufen würde... und euch bitten würde, etwas von euch auf mein Blatt zu malen... und ihr würdet mit Lichtfarben malen... und ich würde wiederkommen und ihr würdet malen und ich würde wiederkommen und ihr würdet malen - immer wieder, immer übereinander - so würde mit der Zeit wieder ein weißes Blatt erscheinen................


Ich schreibe diese Worte nur wenige Tage nach dem Tag meiner "Offenbarung". In einer Zeit, in der die Anhänger einer Glaubensgemeinschaft die Heiligtümer einer anderen in die Luft sprengt, die sich auf den gleichen Propheten beruft. In einer Zeit, in der wegen ein paar unachtsam gemalten Pinselstrichen von vielen Seiten ein Kampf der Kulturen oder Religionen heraufbeschworen wird. In einer Zeit, in der viele Staatslenker laut und offen darüber nachdenken, wieder einmal Krieg gegen ein anderes Land zu führen - Einsatz von Atomwaffen nicht kategorisch ausgeschlossen...

Dein weis(s)es Blatt Papier

Vielleicht mag diese kleine Geschichte Dich dazu anregen, auch einmal über die wirklich wichtigen Dinge in Deinem Leben nachzudenken. Über das, was bleiben soll, wenn all die vielen Oberflächlichkeiten, die unser Leben häufig bestimmen, einmal beiseite gelassen werden. Und vielleicht magst Du Deine Gedanken mit anderen Menschen teilen. Wenn Du noch nicht so recht weißt, was Du schreiben sollst, dann nimm Dir eine Person, der Du Dich wirklich anvertrauen kannst...und probiere die o.g. Übung aus. Und lasse Dich überraschen, was Du finden wirst...

Wenn Dir das jedoch alles zu aufwändig oder zu esoterisch klingt, dann magst Du dir stattdessen vielleicht einfach die folgende Frage stellen:

Wenn Du nur noch ein letztes Mal etwas auf ein weisses Blatt Papier schreiben oder malen dürftest: Was würde das sein?

Ich hoffe, Dein Eintrag* wird weitere Menschen dazu anregen, auch einmal darüber nachzudenken, was ihnen - und den anderen Menschen auf diesem Planeten - wirklich wichtig ist. Ich wünsche Dir viel Freude beim Schreiben und Lesen. Auf dass all unsere Blätter ein wenig weis(s)er werden...

*erscheint wg. fortwährender Spam-Attacken erst nach Freischaltung durch mich